Nach Boxenstopp weiter über die Ruta del Mar nach Süden

Seit ich mein Motorrad in Uyuni übernommen habe, hatte ich Probleme mit der Vorderradbremse. Da auch neue Bremsbeläge keine wirkliche Besserung brachten, war der Wechsel der Bremsflüssigkeit angesagt. Da auch meine Reifen nun ca. 7000km auf dem Buckel hatten musste eine Werkstatt her, die beide Arbeiten erledigten kann. Da hier gute Motorradwerkstätten Mangelware sind führte mich die Suche nach einer Werkstatt nach Santiago de Chile. Leider war mein Timing weniger gut und ich kam pünktlich zum Wochenende im Raum Santiago an. Daher entschied ich, zunächst nicht in die Stadt zu fahren sondern eine Nacht in Los Andes zu verbringen. Los Andes ist der perfekte Ausgangspunkt für einen Tagesausflug zum „Christo Redentor de los Andes“, eine Christusfigur auf dem höchsten Punkt der alten Passstraße Ruta 60 von Santiago in Richtung Argentinien. Die Straße führt ca. 70km von Los Andes bis Hinauf auf die Passhöhe auf über 4000m. Zunächst ist es eine gut asphaltierte Straße mit unglaublichen Serpentinen. Fahrspaß pur nach den unendlich langen Geraden in der Wüste.

Kurz vor der Grenze führt die neue Ruta 60 durch einen Tunnel auf die argentinische Seite. Die alte Passstraße jedoch ist ab hier nur noch eine Schotterpiste mit unzähligen engen Serpentinen. Mit einer schweren Reiseenduro schon eine Herausforderung die engen, steilen Kurven auf dem losen Untergrund zu meistern. Aber es lohnt sich, der Ausblick wird von Serpentine zu Serpentine beeindruckender. Zum Glück war ich sehr früh auf der Passhöhe und hatte den „Cristo“ ganz für mich alleine.

Cristo Redentor de los Andes
Man muss kein spanisch können um zu verstehen was auf dem Schild steht. Mehr Sinn würde es machen das Schild unten aufzubauen, bevor man sich auf diese Strecke begibt.

Ich muss sagen, es war schon ein mulmiges Gefühl in die Stadt zu fahren, in der es bei Ausschreitungen der letzten Wochen mehrere Duzend Tote gab. Also habe ich vorab ein Hostel gesucht, welches fernab von den Krawallen liegt und bin recht früh in die Stadt gefahren. Im Bankenviertel, Las Condes, in dem ich die Stadtautobahn verlassen musste, sind auch gleich unzählige Polizeikräfte mit Helm, Schild und schwere Waffen zu sehen. Aber das Leben scheint ganz normal zu laufen. Dies bestätigt sich auch so für den Rest meines Aufenthalts in der Hauptstadt Chiles. Ich bewege mich fernab des Stadtzentrum bis in die Dunkelheit ohne jegliches Angstgefühl und ohne auch nur im geringsten irgendwelche Demonstrationen / Ausschreitungen zu sehen.

Noch bevor ich das Hotel anfahre betreibe ich „Aufklärung“ ob der Hondahändler tatsächlich dort zu finden ist wo er in Google Maps eingetragen ist. Ist er!

Endlich Montag, von meinem taktisch klug gewählten Hostel, ca. 500m von dem Hondahändler entfernt, geht es pünktlich zur angegebenen Öffnungszeit zur Werkstatt. Tja nur leider sind wir hier in Südamerika und pünktlich um 10:00 Uhr ist hier 10:15 Uhr bis der Laden öffnen. Aber nach wenigen Minuten ist alles geklärt, ich kann hier die Bremsflüssigkeit und auch die Reifen wechseln lassen. Da der Mechaniker erst zwei Stunden später kommt nutzte ich die Zeit und fahre die 130km nach Valparaiso, wo ich einen neuen Satz Reifen seit letztem Jahr liegen habe. Hin und zurück macht das 260km durch hektischen Stadtverkehr und über volle Autobahnen und mitten durch einen Waldbrand kurz vor Valparaiso. Es gibt schöneres! Zu allem Überfluss fahre ich auf dem Rückweg mitten durch eine Reizgaswolke welche aus einer Hochhaussiedlung direkt neben der Autobahn kommt. Offensichtlich gab es dort schon am frühen Montag Morgen heftige Ausschreitungen. Bei Tempo 120, dichtem Verkehr und ohne Möglichkeit anhalten zu können, von einen auf den anderen Augenblick fast nichts mehr zu sehen und kaum noch atmen zu können ist auch eine Erfahrung die ich kein zweites Mal brauche.

Ein Blick in die Werkstatt zeigt, hier ist mein Motorrad gut aufgehoben. Die Annahme des Motorrades erfolgt so wie man es sich wünscht, mit Werkstattauftrag in dem vorab die besprochenen Arbeiten und deren Preise festgehalten werden. Als ich um 18:00 Uhr zur verabredeten Zeit das Motorrad abholen möchte ist es, ihr ahnt es, noch nicht fertig. Zuerst denke ich: „war ja klar“, dann erfahre ich aber, dass man sich dazu entschlossen hat mir das Motorrad noch zu waschen und es deswegen noch nicht fertig ist. Das ich alleine durch Südamerika fahre macht dort Eindruck. Zehn Minuten später fährt der Chef persönlich meine Africa Twin aus der Werkstatt und übergibt mir das Motorrad. Alle Arbeiten wurden zu meiner vollsten Zufriedenheit ausgeführt. Noch kurz die VISA vor das Kartenlesegerät gehalten, „Piep“ und ich bin 50.000 chilenische Peso (umgerechnet ca. 57€) ärmer . Ein fairer Preis ich wie meine.

Am nächsten Morgen starte ich bereits um 07:00 Uhr, verlasse Santiago über die Stadtautobahn und biege knapp 200km später von der Ruta 5, der Panamericana, ab und fahre in Richtung Küste. Hier verläuft die Rute del Mar. Eine wunderschöne, kurvige, gut asphaltierte Straße die sich entlang der Küste in Richtung Süden schlängelt. Unglaublich wie schnell hier die Landschaft, die im Raum Santiago noch eine Wüste ähnelt, zu mediterran und dann zu einer Vegetation, wie wir sie in Deutschland kennen, wechselt. Und da hier gerade Frühling ist, ist alles wunderschön bunt am blühen. Eine tolle Abwechslung nach den letzten Wochen auf dem Altiplano und der Atacama. Hier war es zwar auch bunt, aber die visuelle Wahrnehmung ist eine ganz andere.

Mittagspause an einem kleine Imbiss mit frisch gepresstem Mangosaft , Empanada und einem kleinen Eis als Dessert.

Nach knapp 600km erreich die kleine Stadt Concepcion und bin froh endlich aus der Motorradkluft heraus zu kommen, auch wenn ich heute das erst mal darunter nicht nassgeschwitzt bin.

Und weil es so schön war werde ich morgen erneut der Ruta del Mar folgen, anstatt stupide auf der Autobahn Richtung Süden zu fahren. Nächstes Ziel ist Valdivia,…. aber wer weiß was morgen alles passiert, vielleicht führt mich der Tag auch ganz wo anders hin.

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