Santiago de Chile – Spuren der Verwüstung

Bei meinem letzten Besuch in Santiago de Chile präsentierte sich die Stadt mir als lebhaft, friedlich, schön. Szeneviertel wechseln sich mit modernen Bankenvierteln ab. An jeder ecke einladenden Cafes. Viele kleine Parks und Grünflächen lassen einen vergessen, dass man sich in einer Metropole mit 20 Millionen Einwohnern befindet. Wer mich kennt weiß, dass ich kein Stadtmensch bin und es mir schwer fällt positive Attribute für eine Großstadt zu finden. Santiago de Chile hat diese aber definitiv verdient.

An diesem Eindruck hat sich grundsätzlich nichts geändert, die Stadt ist groß und von den Demonstrationen die hier noch immer täglich stattfinden bekommt man nur etwas mit wenn man direkt vor Ort ist.

Aktuell bin ich im Hostel Casa Matte, einem Biker Hostel nur wenige Gehminuten von der Plaza Baquedano entfernt Und damit in unmittelbarer Nähe zu dem Hotspot der sozialen Unruhen die Chile in den letzten Wochen erschüttert haben.

Rund um die Plaza Baquedano gibt es keine Straßenbeleuchtung und keine Ampeln mehr und mit gibt es nicht mehr meine ich nicht, dass diese kaputt sind, sie sind einfach nicht mehr da. Eine ca. 30m lange und mehrere Stufen umfassende Treppe wurde vollständig abgetragen, ebenso unzählige Meter Bürgersteig. Alle Bushaltestellen sind vollständig zerstört, nur noch die massiven Stahlgerüste stehen. Ebenso die U-Bahnstationen. Die Zugänge sind voll mit Schutt und es finden sich an den Eingängen spuren von Feuer, die darauf schließen lassen das es in den Bahnhöfen gebrannt haben muss. Spuren des Feuers finden sich auch an diversen Häusern in der Nähe. Eingeworfene Scheiben an nahezu allen Gebäuden die nicht massiv gesichert wurden. Gebäudesicherung sieht hier so aus, dass wie zum Beispiel am Centre Gabriela Mistral bis auf eine Höhe von ca. 6m massive Stahlplatten aufgestellt und miteinander verschweißt wurden. Alle und wirklich alle Fassaden in der Inennstadt sind mit Sprüchen gegen die Regierung und gegen die Polizei beschmiert. Der Schriftzug ACAB ist allgegenwärtig.

Trotz allem, Santiago bemüht sich um Normalität. Die Menschen sitzen in den Cafes, gehen Shoppen, Busse und Taxis fahren. Die Stimmung tagsüber friedlich, die Polizeipräsenz beschränkt sich auf Verkehrsregelung an den Kreuzungen an denen die Ampeln zerstört wurden.

Die Lage ändert sich am späten Nachmittag. Wo Vormittags noch Streifenpolizisten in kurzärmligen Hemden den Verkehr geregelt haben stehen jetzt Panzerfahrzeuge und Wasserwerfer. An jeder Ecke Carabineros mit Schutzausstattung.

Plötzlich finden sich unter den Passanten auch immer mehr Personen die Atemschutz, Schutzschilder und Helme mitführen.

In einer Grünfläche kommt es zu ersten Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei. Berittene Einheiten treiben die Demonstranten aus dem Park. Ich gehe gerade auf der anderen Straßenseite als plötzlich ein scheinbar unbeteiligter einen großen Pflasterstein in Richtung der Polizisten wirft, Zeit Distanz aufzubauen. Die ersten Festnahmen erfolgen. Alles begleitet von professionell ausgestatteten Fotografen die jeden Handgriff der Polizisten dokumentieren. Ich werde heute nicht Zeuge massiver Gewalt, so wie es hier in den letzten Wochen gewesen sein muss, bei denen es eine Vielzahl von Toten gab. Einheimische berichten von bis zu 80 Toten, unzähligen Schwerstverletzten auf beiden Seiten.

All dies zu sehen wirft ein einem natürlich die Frage des „warum“ auf. Die Antwort findet man u.a. in den vielen Straßencafes und Restaurants. Ein Kaffee 4€, ein Bier 5€ und ein Abendessen 20€ ist keine Seltenheit. Konsumgüter sind sogar meist teuer als in Deutschland. All das können sich hier aber nur die wenigsten leisten. Fast nirgends auf der Welt ist die Kluft zwischen Arm und Reich so groß. Reist man mit offenen Augen durch das Land sieht man Armut überall. Nicht nur das das Geld, das wie überall auf der Welt nur einen Weg kennt nämlich nach oben sondern auch die Tatsache das es in Chile schwerer wie anderswo an seiner Lebenssituation etwas zu ändern führt zu einem sozialen Frust in großen Teilen der Bevölkerung.

Der Sozialstaat, in der Form und dem Umfang wie wir ihn in Deutschland kennen ist in meinen Augen zum scheitern Verurteilt und wird in Zukunft nicht mehr bezahlbar sein und dann sind für mich auch Ausschreitungen wie hier in Chile vorstellbar. Bleibt zu hoffen, dass die deutsche Politik ihren Blick nach Chile richtet und zukünftig eine Politik betreibt, die ein weiteres Auseinanderdriften von Arm und Reich verhindert und den sozialen Frieden in Deutschland wahrt.

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